Erfahrungsbericht 1. Schulwoche nach den „Coronaferien“

Freitag der 13.03: Vertieft in die Spanischklausur ertönt die Durchsage, dass der Abschlussjahrgang ab Montag nicht mehr zur Schule gehen soll. Deutschland, dem das Virus vor einer Woche noch so fern zu sein schien, zählt am Unglückstag 3.062 Coronainfizierte, 5 Menschen starben an Covid-19. Heute gibt es allein in Hessen über 8000 registrierte Fälle, im Kreis Groß-Gerau überlebten 10 Menschen das Virus nicht

Nach der Schule herrscht Unklarheit. Werden wir am Montag wieder ganz normal in die Schule gehen? Nein heißt es am Abend aus Wiesbaden: Coronaferien.

Es beginnt die Zeit des „Homeschoolings“ – für viele abrupt und unvorbereitet. Für Lehrer wie auch Schüler hat es nie eine vergleichbare Situation gegeben. Und auch das Land scheint nicht weiterzuwissen, das öffentliche, freiheitliche, uns so vertraute Leben wird pausiert – auf unbestimmte Zeit. Millionen sitzen abends gebannt vor den Fernsehern und lauschen den Worten von Virologen und Politikern. Am 18.03 schnappt sich die Bundeskanzlerin die beste Sendezeit um sich, ungewöhnlich für sie, direkt an das Deutsche Volk zu wenden. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, appelliert sie an die Bürger. Seit dem Zweiten Weltkrieg habe es keine größere Herausforderung gegeben, bei der es so auf unser solidarische Handeln angekommen ist. Für uns Schüler, aber auch für unsere Eltern und Großeltern sind das Worte, die nachdenklich machen, die abschrecken.

Es legt sich ein nicht wirklich märchenhafter Tiefschlaf über das Land. Am 15.04 endet der Schlaf. Die Bundesregierung und die Länderregierungen drücken allerdings nochmal den Schlummerknopf. Sie einigen sich auf erste Lockerungen, allerding nicht für jeden gleich, noch zur selben Zeit.

Nach ein paar Tagen Verwirrung steht aber fest: Am 27.04 darf ich wieder zur Schule gehen. Wie ein Privileg und voller Vorfreude nehme ich diese Nachricht entgegen – gruselig! Im „Notbetrieb“ soll es weitergehen, ein Stück guttuende Normalität ist es für mich trotzdem.

Am 23.04 bekommen wir einen ersten Fahrplan: Nur Leistungskurse und Deutsch und Mathe sollen vorerst unterrichtet werden. Auch hier gemischte Reaktionen. Außerdem wird von einer Maskenpflicht gesprochen. Es sind Tage voller Unsicherheit und Neugierde.

Das frühe Aufstehen gehört zu den Dingen, die ich nicht vermisst habe, mit dem Fahrrad früh morgens in Richtung Schule zu fahren jedoch schon. Nach sechs Wochen sehe ich Freunde und Klassenkameraden wieder, verhüllt und auf Abstand -es ist eben noch nicht die Normalität. Zunächst traut sich keiner rein in das doch eigentlich so vertraute Gebäude, es bildet sich ein Schwarm auf Distanz um den Fahrradständer. Man unterhält sich, immer dieses komische Gefühl im Bauch.

Als das Klingeln immer näherkommt wagen sich die Ersten in Richtung Mensaeingang. Patrouilliert werden wir von Oase-Mitarbeitern und Lehrern. Das mit dem Abstand halten stellt sich für manche schwerer heraus als vorher gedacht, das vorhersehbare „Bitte Abstand halten“ von den Lehrern lässt nicht lange auf sich warten. Wir laufenGänge, leise wie nie, und mit Klebeband beklebt, mit dem Ziel Klassenraum entlang. Es ist wie in einem Film. Das normalerweise so Vertraute Gebäude erscheint mir sonderbar. Die Bänke, auf denen sonst Schüler über Lehrer, Noten und sonstiges reden, oder ihr Pausenbrot essen, sind umgedreht. Für jeden Kurs sind zwei Räume vorgesehen, geteilt durch den Anfangsbuchstaben des Nachnamens. Für mich geht es also in Raum A217. Die Maske abzuziehen wirkt wie eine Erlösung – das Atmen fällt schwer. Auf dem Aufgabenblatt steht für die erste Stunde „talk about the situation“. Und obwohl es so viel zu erzählen gäbe ist der Andrang auf Wortbeiträge ungewöhnlich karg. Die Gewöhnlichkeit scheint eingefroren, doch sie taut langsam auf, Tag für Tag.

Auch die Lehrer scheinen sich zu freuen. Um 8:30 Uhr ertönt die Stimme der Schulleiterin durch die unbelebten Gänge. Sie freut sich uns wiederzusehen.

Von Euphorie und Freude spüre ich wenig.

Das ist kein Normalbetrieb

PROF. DR. R. ALEXANDER LORZ – Hessischer Kultusminister

sagt der hessische Kultusminister vor der partiellen Schulöffnung – jetzt weiß ich was er gemeint hat. Die Schülerschaft scheint „en Trance“ zu sein, im Schlummerzustand. Auch meine Deutschlehrerin ist irritiert, man bekommt fast den Eindruck, sie wolle uns allen einmal fest ins Ohr zu kneifen. Später appelliert sie an uns, wir sollten aufwachen. Wir haben uns an das Abnormale gewöhnt, und müssen jetzt die Normalität wieder als normal ansehen.

Mit dem Eis auf der Gewöhnlichkeit schwindet in den kommenden Tagen auch die Zahl der maskierten Schüler, und der Abstand…

Schreibe einen Kommentar