Schluss mit Abiturprostitution & Notendegradierung!

Diese Woche ist es soweit: Fast fließend schliddern wir von den Corona-Ferien in die Sommerferien. Die Schülerschaft verlernte den normalen Schulalltag. Der Großteil der GG-ler hatte in den letzten Wochen nur einmal in der Woche Unterricht in der Schule. An den anderen Tagen wurde bis mittags geschlafen, und bis nach Mitternacht wachgeblieben. Und trotzdem werden die Zeugnisse auch in diesem, besonderen, Jahr erneut besser – so wie es in den letzten Jahren schon zu beobachten war.

„Good news“ könnte man meinen. Die Schulleitung muss stolz sein auf den diesjährigen Abiturjahrgang, der nun schon der zweite in Folge ist, bei dem kein Schüler durchrasselte. Jedoch ist diese Entwicklung vielmehr die Entwertung des höchsten deutschen Bildungsabschlusses – des Abiturs.

Diese Entwertung, die von Kritikern „Noteninflation“ getauft wurde, wird bei einem Blick auf die Abiturabsolventen deutlich. Während unter den 20 bis 24-Jährigen 53 Prozent behaupten können, ihr Abitur geschafft zu haben, sind es unter den 60 bis 64-Jährigen nur die Hälfte. Außerdem steigen die Notenmittelwerte, als auch die Zahl der Einser-Abiturienten seit Jahren in fast allen Bundesländern kometenhaft an. Wie kann das sein?

Sind wir alle so superschlau?

Selbst wenn das so wäre, müsste das Niveau eben angehoben werden. Stattdessen fliegen uns Schülern immer bessere Noten zu, während wir gar keine besseren Leistungen erbringen. Ursprung und Folge dieser Bewertungsperversion ist der gesellschaftliche Drang auf ein Gymnasium gehen zu müssen, ein Realschulabschluss sei etwas für Dumme. Dieser Irrglaube findet sich auch in abfälliger Sprache über schulisch schlechtere wieder.

Anstatt dem mittels härterer, fairerer Benotung Widerstand zu leisten scheint es, als machte es den Verantwortlichen Spaß, das Abitur weiterhin in Quaksalbermanier an Jedermann zu verscherbeln.

Aber ich frage: Was ist das für ein dekadentes Bildungsverständnis, dass jedem das Abitur hinterhergeworfen wird? Wohin soll uns das führen?

Die Schüler führt es in eine falsche Selbsteinschätzung. Das Studium wird vielleicht doch in Erwägung gezogen, eine Ausbildung, die können Hauptschüler machen. So war das nicht immer, so geht das nicht, und von dieser Denke müssen wir wegkommen.

Die Corona-Pandemie beschleunigte die Notendirettissima nur noch weiter. Alle bekamen einen Freifahrtschein für die nächste Jahrgangsstufe, denn falls es knapp wurde, wurde es passend gemacht. Meine Vorstellung von „fördern und fordern“ ist eine andere – eine in der „fordern“ vorkommt.

Die frohe Kunde aus Wiesbaden, dass niemand durch Corona schulisch benachteiligt werden solle, war der Startschuss für einen beispiellosen Überbietungswettbewerb einiger Lehrer im Notengeschenkeverteilen. Manche feilten spielähnliche Systeme aus, andere sammelten Hausarbeiten, und bei wieder anderen schien es, als wurde gewürfelt, wie viele Punkte auf die Vorjahresnote aufgeschlagen werden sollen. In jedem Fall wurden die Corona-Zeugnisse für viele zu dem besten Zeugnis ever. War das das Ziel?

Sicher nicht! Denn die Geschehnisse der vergangenen Wochen verschlimmerten ein weiteres Problem: Die Vergleichbarkeit der Noten. Denn es kam einmal mehr auf das Handling der jeweiligen Lehrer an. Das ist weniger ein Vorwurf an die Lehrer als an das Kultusministerium, das den Lehrern keinen klaren Weg aufzeigte, und somit ein Bewertungswirrwarr kreierte.

Die Folgen sind dramatisch:

Das Coronavirus infizierte auch die Note als Bewertungseinheit für schulische Leistungen.

Ob die Note überlebt ist fraglich. Ein heilungsvoller Weg, wäre ein Weg hinzu mehr Fokus auf die Qualität. Ein Weg zurück zu härteren Noten. Unsere Schule ist bekannt für ihren strengen Ruf. Allerdings werden auch bei uns die Noten entwertet, einzelne Versetzungen und das Abitur zu oft verschenkt.

Unsere Studienleiterin Frau Vey nannte uns einst die „Bildungselite Deutschlands“. Wenn wir diesem Anspruch wieder gerecht werden wollen, so braucht es intensivere Aufklärung für leistungsschwächere Schüler über alternative Wege. Unsere Lehrer müssen es nicht jedem gerecht machen. Auch wenn wir manchmal meckern, so muss klar sein wer das letzte Wort hat. Wenn das zukünftig von möglichst vielen beherzigt würde, wären das wirklich „good news“.

Bild: Eine Schülerin schreibt ,,Abitur” auf eine Tafel|picture alliance/dpa

2 Gedanken zu „Schluss mit Abiturprostitution & Notendegradierung!

  • Jakob Fechter
    10. Juli 2020 um 16:23
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    Ich finde der Artikel spricht einige Probleme der letzten Monate an.
    Meiner Meinung sind aber einige Tatsachen ein wenig kurz gefasst und teilweise auch einfach nicht zutreffend.
    Als aktueller Abiturient kann ich sagen, dass mir das Abitur nicht geschenkt wurde! Die schrieftlichen Prüfungen wurden schon vor einem Jahr geschrieben und wurden wie jedes Jahr von zwei Prüfern kontrolliert und auch die mündlichen Prüfungen waren nicht einfacher, soweit ich das beurteilen kann. Auch bei uns gab es Nachprüfungen. Was ist daran geschenkt? Ja wir haben alle 87 bestanden, aber wir waren in der fünften Klasse auch knapp 130 Schüler, sprich ca. 1/3 hat nicht das Abitur an unserer Schule gemacht und wurde über alternative Bildungswege aufgeklärt. In den letzten Jahren hat man einfach früher angefangen Probleme bei den Leistungen einzelner Schüler zubennen. Das erklärt natürlich noch nicht den allgemeinen Anstieg der Abiturienten und Noten. Klar ist es, wie geschrieben, ein gesellschaftliches Problem. Aber das Abitur wurde nicht geschenkt! Vielmehr gibt es heutzutage ein besseres Förderprogramm. Ich bin selbst in meinen ersten beiden Grundschuljahren auf eine Sonderschule gegangen und hätte vor 40 Jahren nicht die Chance gehabt ein Abitur in dieser Form abzulegen. ; ) Ich wurde gefordert und gefördert im Beginn meiner Schulkarriere und das ist meiner Meinung hinsichtlich der Chancengleicheit auch gerecht!!!
    Klar kann man sich streiten, ob das Kultusministerium den richtigen Weg eingeschlagen hat. Sicher ist vieles nicht perfekt gelaufen, wie die angesprochen Vergleichbarkeit. Deshalb waren die Freifahrtscheine vielleicht ein Versuch niemanden zu bestrafen. Letzlich verschieben sie das Problem. Klar gibt es viele Probleme vorallem in den unteren Stufen. Aber zu Corona hat in Wiesbaden schlicht und ergreifend kein Fahrplan in der Schublade gelegen.
    Abschließend noch was zu dem Faulenzen unserer Lehrer. Ja es gab Lehrer, die sich zurückgelehnt haben. Es gibt aber auch einen großen Teil unserer Lehrer, die in den letzten Monaten mehr geleistet haben als normal, obwohl sie z.B. auch noch ihre Kinder betreuen mussten. Eine Verallgemeinerung finde ich da bisschen unangebracht!
    Sicherlich gibt es teilweise die Probleme die in dem Artikel angesprochen wurden, aber die einfachen Antworten gibt es leider im echten Leben nicht.

  • Philipp Friese
    10. Juli 2020 um 16:56
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    Abiturprostitution & Notendegradierung?!?

    Die Änderung der Gesellschaft, die angesprochen wird finde ich schwierig so zu beurteilen. Eine Gesellschaft ist immer im Wandel. Und das ist doch auch genau richtig so und auch wichtig. Vielleicht ist der Vergleich etwas hart, aber wenn sich die Gesellschaft nicht ändert, würden wir auch heute noch mit Sklaverei leben und damit will ich nicht einmal behaupten, dass wir heute, global gesehen, keine Sklaverei mehr haben. Ich glaube da fallen jedem noch weitaus mehr Beispiele ein, bei denen sich die Gesellschaft nur ins positive geändert hat.
    Eine Gesellschaft lebt zu jeder Zeit in einem Wandel, so natürlich auch in der Bildung. Deutschland ist ein Land, in dem viel geforscht wird, in dem es immer weniger Produktionsstätten gibt. Dann ist auch klar, dass sich immer mehr Menschen dafür entscheiden einen hohen Schulabschluss anzustreben, um später einmal selbst in der Forschung zu landen. Natürlich ist der Glaube, der von vielen vermittelt wird, und da möchte ich vor allem nicht die Lehrer ausnehmen, dass man unbedingt studieren muss, völliger Blödsinn, es gibt so viele Ausbildungsplätze, in denen einige besser aufgehoben wären, als in einem Studium. Aber mit seinem Abitur in der Hand, steht einem nun mal die Welt offen, ich kann studieren, kann aber genauso gut eine Ausbildung machen, bei der ich vielleicht noch bevorzugt eingestellt werde, weil ich meine allgemeine Hochschulreife erlangt habe. Oder gar Ausbildungsplätze, in denen die Hochschulreife eine Voraussetzung ist. Gerade die, die sich noch nicht sicher sind, in welche Richtung sie später einmal gehen möchten oder diejenigen, die sich noch so sicher sind und dann plötzlich merken, dass sie sich in der Berufswahl doch getäuscht haben. Mit dem Abitur in der Tasche hat man alle Möglichkeiten.

    Ob die Entscheidung, dass alle Schüler*innen durch Corona versetzt werden, die richtig ist, ist eine Frage, die glaube ich jeder für sich selbst beantworten muss. Jedoch finde ich, ist im deutschen Schulsystem die Chancengleichheit eines der größten Probleme. Schüler*innen deren Eltern selbst Abitur gemacht haben, bestehen viel häufiger das Abitur, als diejenigen, deren Eltern selbst nicht unbedingt den akademischen Bildungsweg eingeschlagen haben. Und das liegt meist auch an der Unterstützung, die man von zu Hause bekommt. Natürlich darf man hier nicht verallgemeinern und letztlich bestätigen Ausnahmen die Regel.
    Gerade in der Zeit, in der Homeschooling der Alltag für alle war, kann wohl kaum von einer Chancengleichheit gesprochen werden. Da finde ich es nur richtig, dass das hessische Kultusministerium die mangelnde Chancengleichheit nicht zum Problem der Schüler macht. Jedoch muss auf jeden Fall noch ein Konzept geschaffen werden, wie man mit dem Defizit im Stoff umgeht, ohne erneut viele zu benachteiligen.

    „Dass jedem das Abitur hinterhergeworfen wird“, finde ich eine sehr kritische Aussage, natürlich ist das Abitur für manche absolut geschenkt, aber der Großteil der Abiturienten konzentriert sich in der Zeit vor dem Abitur völlig auf das Lernen. Da bleiben Hobbys, Sport oder Freunde nun einmal hintenangestellt. Diejenigen, die ohne große Vorbereitung bestehen wird es immer geben, egal wie schwer das Abitur ist oder wie streng benotet wird.

    Die Tatsache, dass am Gymnasium Gernsheim seit zwei Jahrgängen keiner mehr durch das Abitur gefallen ist, spricht in meiner Sicht viel mehr für die Qualität der Schule. Hier werden alle so auf das Abitur vorbereitet, dass sie bestehen. Und diejenigen, für die das Abitur vielleicht nichts ist, treten meist erst gar nicht an, da sie frühzeitig aufgeklärt wurden und unter den vielen möglichen anderen Bildungsgängen den richtigen für sich entdeckt haben.

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